Manchmal lässt sich in einem Satz mehr Wahrheit transportieren als in einem ganzen Buch. Für die Mensch-Hund-Beziehung gilt das beim Begriff Du-Evidenz. Er stammt aus der Philosophie und Psychologie und beschreibt etwas, das jeder Hundehalter intuitiv kennt – aber selten in Worte fasst.

Ein Begriff aus der Philosophie

Der österreichische Sprachpsychologe und Philosoph Karl Bühler (1879–1963) hat den Begriff geprägt. Du-Evidenz bezeichnet die unmittelbare Gewissheit, in einem anderen Wesen ein eigenständiges Du wahrzunehmen. Nicht ein Objekt, nicht ein „Es". Sondern jemanden, der mir gegenübersteht – mit eigenen Empfindungen, mit eigenem Wesen, mit eigener Würde.

Wir kennen Du-Evidenz natürlich zuerst aus zwischenmenschlichen Beziehungen. Wenn wir einem geliebten Menschen in die Augen schauen, spüren wir mehr als nur eine Fläche aus Pupille und Iris – wir spüren ein Du. Das Besondere an Bühlers Begriff ist: Er macht klar, dass diese Erfahrung sich nicht auf Menschen beschränkt. Auch ein Hund kann uns als Du begegnen. Und tut es, wenn wir es zulassen.

Der Hund wird als eigenständiges Gegenüber wahrgenommen – frei von sozialen Bewertungen und Erwartungen.

Warum das im Coaching so wertvoll ist

Zwischenmenschliche Beziehungen sind selten frei. Wir tragen Rollen, Erwartungen, Geschichten mit uns herum. Wenn ich meiner Chefin gegenüberstehe, sehe ich nicht nur sie – ich sehe ihre Position, mein Verhältnis zu ihr, die letzten zwei Jahresgespräche. Das ist menschlich und normal. Es macht echtes Begegnen aber oft schwer.

Mit einem Hund ist das anders. Der Hund hat keine Erwartung an Ihren Berufsstand. Er bewertet nicht Ihre Frisur, Ihre Ausdrucksweise, Ihren Erfolg. Er begegnet Ihnen einfach – als das, was Sie gerade sind. Wenn Sie müde sind, sieht er müde. Wenn Sie unruhig sind, sieht er unruhig. Wenn Sie ehrlich sind, antwortet er ehrlich.

Diese Voraussetzungslosigkeit ist im Coaching Gold wert. Viele Menschen erleben in der Begegnung mit dem Therapiehund zum ersten Mal seit langem ein Gegenüber, das keine Agenda hat. Kein Hintergedanke. Kein heimlicher Vergleich. Einfach Präsenz.

Hunde unterscheiden – aber sie verurteilen nicht

Ein häufiges Missverständnis: „Der Hund mag mich nicht, das heißt, ich bin nicht in Ordnung." Das stimmt so nicht. Hunde unterscheiden sehr wohl – sie haben Vorlieben, Stimmungen, Tagesformen. Aber sie urteilen nicht in dem Sinne, in dem wir Menschen urteilen. Ein Hund, der heute lieber liegen bleibt als zu Ihnen zu kommen, sagt damit nichts über Ihren Wert als Mensch aus. Er sagt nur: Heute brauche ich Ruhe.

Diese Unterscheidung – differenziertes Wahrnehmen ohne moralisches Bewerten – ist eine Qualität, die wir Menschen manchmal verlernt haben. Hunde können uns hier auf eine sanfte Weise lehren, wie das geht.

Wenn die Du-Evidenz fehlt

Es ist auch ein Schutz, wenn Du-Evidenz ausgeschaltet wird. In der Massentierhaltung etwa, oder in der Industrieforschung, müssen Menschen das Tier nicht als Du wahrnehmen, sonst wäre die Arbeit nicht aushaltbar. Das sagt etwas über uns – und es sagt etwas über die Kraft des Begriffs. Wenn Du-Evidenz hergestellt wird, verändert sich der Umgang. Sofort.

Im Coaching arbeite ich bewusst mit dem Aufbau dieser Evidenz. Jim oder Pepper werden vorgestellt, mit Namen, mit Charakter, mit Geschichte. Sie sind keine Werkzeuge, die zur Sitzung gebracht werden. Sie sind Kolleginnen, die mitarbeiten. Und Menschen spüren das innerhalb von Minuten.

Zum Weiterdenken

Du-Evidenz ist auch im Berufsleben ein interessantes Konzept. Wem begegne ich heute als „Funktion", wem als Mensch? Hunde sind manchmal die schnellsten Lehrer dafür, was Begegnung wirklich heißt.

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Claudia Schmenger Systemischer Business Coach · Therapiehundeteam